Was es für Ihre Finanzen bedeuten kann, dass die EZB doch nicht allmächtig über die Zinsen ist

Wer uns zur zukünftigen Zinsentwicklung gefragt hat, hat immer wieder die Antwort bekommen, dass nicht in jedem Fall die Entscheidungen der europäischen Zentralbank für die Entwicklung der Zinsen maßgebend sind. Auch wenn wir uns in unseren Beratungsgesprächen Zeit nehmen, ist es natürlich kaum möglich, alle Faktoren die auf die Entwicklung der Zinsen Einfluss haben, detailliert zu erläutern.  Aber viele Mandanten werden sich vielleicht daran erinnern, dass wir auf nicht vorhersagbare Einflüsse von außen hingewiesen haben.

Ein solcher nicht vorhergesagte Fall ist eingetreten: Trump!

Der Finanzprofessor Luigi Zingales von der Universität Chicago beschreibt in einem Interview in der Schweizer Zeitschrift Finanz und Wirtschaft die Zusammenhänge recht gut:

Trump will Steuern senken und gleichzeitig Ausgaben im Bereich Rüstung und Infrastruktur deutlich erhöhen. Dadurch steigt die Staatsverschuldung. Wenn ein Staat deutlich mehr Kredite aufnimmt, steigt der Preis, der den Anlegern für die Abnahme dieser zusätzlichen Staatsanleihen gezahlt werden muss. In diesem Fall ist der Preis der Zins für Staatsanleihen. Es muss aber nicht nur der höhere Zins gezahlt werden. Irgendwo her muss das Geld auch kommen, welches dann in US-Staatspapiere  investiert wird. Ein Weg ist, dass Amerikaner ihr Geld aus dem Ausland abziehen, um es in der Heimat anzulegen. Dadurch würde übrigens auch der US-Dollar-Kurs steigen.

Wir ergänzen die im Interview beschriebene Wirkungskette noch:

Sollten die US-Gelder zunächst aus Schwellenländer oder auch anderen hochverschuldeten Länder – längst nicht alle Schwellenländer sind hochverschuldet – abgezogen werden, so könnte dies nur dadurch begrenzt werden, dass auch dort die Zinsen steigen.  So könnte eine Spirale einsetzen, die über viele Länder hinweg ihre Kreise zieht.

In den USA kommt noch hinzu, dass die Wirtschaftsdaten  sich aktuell so entwickelt haben, dass auch die Zentralbank Fed demnächst die Zinsen erhöhen könnte.  In Europa scheint dies seitens der EZB zunächst niemand zu erwarten. Es bleibt dann abzuwarten, ob die EZB tatsächlich die Macht hat, in Europa eine Insel der Niedrigzinsen aufrecht zu erhalten. Dies gilt insbesondere, weil die europäischen Staaten unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der Zinshöhe haben. Aus dieser Gemengelage könnte laut Prof. Zingales ein sehr negatives Szenario resultieren : «Dieses Mal wird Europa bankrottgehen».

Übrigens warnt auch die Bundesbank vor einem Zinsanstieg. Bezeichnender Weise erfolgt dies in ihrem Finanzstabilitätsbericht 2016, denn hier werden auch die Risiken eines Zinsanstiegs dargestellt. Nach dem Bericht würden vor allem Banken und Lebensversicherungen unter dem Zinsanstieg leiden. Beide Institutionen halten viele Anleihen  (Lebensversicherungen prozentual noch mehr).  Die Bundesbank steht übrigens nicht allein, auch die oft als Zentralbank der Zentralbanken bezeichnete BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) warnt und erinnert an das Jahr 1994, in dem es ohne Vorwarnungen zu den größten Verluste der Geschichte auf den Anleihemärkten kam. Nachzulesen in der FAZ.

Wenn wir schon den Markt der Anleihen betrachten, sollte nicht die mögliche Illiquidität von Unternehmensanleihen vergessen werden. Hierzu haben wir in unserem Blog finanzenlounge eine umfangreiche Pressesammlung zusammengestellt.

Und was bedeutet dies nun für Ihre Anlagestrategie?

Zunächst ganz praktisch:

Sollten die Zinsen steigen,

  • werden Immobilienfinanzierungen teurer
  • werden Renteninvestmentfonds und Mischfonds unter Umständen deutliche Verluste haben
  • könnte die Inflation zunehmen (vielleicht nicht  in einer ersten Phase, aber auf mittlere Sicht. Dies  ist allerdings nicht zwingend.)
  • werden nicht nur Lebensversicherungen sondern auch Pensionskassen und Versorgungswerke zu den Verlierern gehören. Die Altersversorge könnte also deutlich geringer ausfallen.

Dies sind mögliche Effekte auf kürzere bis mittlere Sicht. Falls die genannten Effekte eintreten kann sich auf längere Sicht die Situation natürlich wieder stabilisieren. Zudem hängt vieles davon ab, wie schnell und wie stark die Zinsen steigen.

Noch etwas Grundsätzliches:

Es gibt keineswegs eine Gewissheit, dass die Zinsen steigen werden, auch wenn vieles dafür spricht. Von daher ist jede Anlageentscheidung daraufhin  zu prüfen, wie sich diese voraussichtlich entwickelt, wenn die Zinsen nicht steigen. Aber es geht nicht nur um Wahrscheinlichkeiten, sondern mehr noch darum, wie hoch potentielle Verluste sind, wenn ein Ereignis eintritt. Sollten die Zinsen steigen, und insbesondere wenn dies schnell geschieht, könnten unter Umständen  hohe Verluste eintreten.


Dieser Beitrag ist gekürzt unserem Kommentar zur Finanzwelt entnehmen, der in jedem Foraim-Newsletter ein anderes aktuelles Thema aus der Finanzwelt behandelt. Unseren Newsletter können Sie hier abonnieren.

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