Unternehmensanleihen: Weil sonst ja kaum jemand darüber schreibt, lasse ich Sie ein Telefonat mithören …

Das große Ereignis für Investmentfondsberater, Anlageberater der Banken und Vermögensverwalter steht kurz vor der Tür: Der Fondskongress in Mannheim. Mein E-Mail Account ist entsprechend voll mit Einladungen zu Vorträgen aber auch zu Gesprächen mit Fondsmanagern. Nur E-Mails reichen bekanntlich nicht, so dass mich heute auch ein Key-Account-Manager einer großen amerikanischen Investmentfondsgesellschaft angerufen hat. Ich gebe das Telefonat sinngemäß wieder:

Key-Account- Manager: Herr Gierls, bei einem ihrer letzten Besuche auf dem Mannheimer Fondskongress hatten Sie sich für unseren Absolute-Return-Rentenfonds interessiert. Der Fond hatte im letzten Jahr eine gute Performance. Und speziell zu diesem Fond halten wir in diesem Jahr einen Vortrag. Dazu möchte ich Sie gern persönlich einladen.

Ich: Ja, vielen Dank, aber sagen Sie, investiert dieser Fond in Unternehmensanleihen oder Staatsanleihen?

Key-Account-Manager: In Unternehmensanleihen, er kann aber long oder short gehen …

Ich: Tut mir leid, eine sehr freundliche Einladung, aber ich habe kein Interesse an Investmentfonds, die wesentlich in Unternehmensanleihen investieren. Ich habe in letzter Zeit mit einigen Fondsmanagern gesprochen, die mir die Probleme bei der Handelbarkeit übereinstimmend bestätigten. Sehen Sie das Problem nicht?

Key-Account-Manager (zunächst eine kurze verwunderte Pause – vielleicht stammt diese Pause daher, dass er diese Fragen nicht so häufig hört …): Doch, Sie haben recht, es gibt dieses Problem. Wir haben aber in unserem Portfolio nur Investment-Grade-Anleihen …

Ich (sage zunächst nichts)

Key-Account-Manager (weil ich nichts dazu sage?): Unser Fond umfasst ein Volumen von 4 Milliarden US-$ und wir sehen dieses Problem natürlich auch. Von daher haben wir dem Fondsmanager einen Risikomanager beiseite gestellt, der ausschließlich laufend die Handelbarkeit prüft. Unsere Risikoszenarien haben ergeben, dass wir innerhalb von drei Tagen alle Anleihen veräußern könnten.

Ich: Tut mir wirklich sehr leid, wenn es irgendwie vermeidbar ist und es Alternativen gibt, möchte ich doch von Unternehmensanleihen absehen.

Nachtrag:

Fast alle Berater und Vermögensverwalter haben die Risiken, die sich aus einer Nicht-Handelbarkeit ergeben können, in der Vergangenheit erlebt. Zum einen handelte es sich um so genannte ABS-Fonds, zum anderen um offene Immobilienfonds, deren Anteile nicht mehr zurückgenommen wurden. Eine Nicht-Handelbarkeit muss zwar nicht zwangsläufig zu hohen Verlusten führen, aber einige der Investmentfonds hatten beträchtliche Verluste hinzunehmen. Hinzu kommt, dass die überwiegende Anzahl der Privatanleger, davon ausgehen, dass sie jederzeit an das Geld, welches sie in Investmentfonds investiert haben, herankommen können. Selbst wenn die Anleger über das Risiko dieser möglichen Illiquidität aufgeklärt wurden, scheinen sie es doch oft zu verdrängen. Anleger und Berater müssen natürlich selbst zu einer Risikoeinschätzung kommen, sollten dabei allerdings nicht nur Rentenfonds, sondern auch Mischfonds in ihrer Zusammensetzung betrachten.

Wir glauben allerdings nicht, dass im Bereich der Unternehmensanleihen zwangsläufig die gleichen Folgen eintreten müssen wie bei offenen Immobilienfonds. Werden Unternehmen gut ausgewählt und treten keine Zahlungsausgänge auf, so müssen nicht zwangsläufig die Verluste auftreten, wie diese teilweise bei offenen Immobilienfonds erlebt worden. Ob es tatsächlich zu einem solchen Fall der Nicht- Handelbarkeit kommen könnte und in welchem Szenario dies der Fall sein könnte, können wir natürlich nicht verlässlich einschätzen.

Anhand dessen aber, dass der genannte Investmentfonds in Hinblick auf die Thematik der potentiellen Illiquidität extra dazu einen Risikomanager abgestellt hat, sollte man dieses Thema aber keinesfalls bei seiner Anlagenstrategie außer Acht lassen.

Zu Überschrift: „Kaum jemand schreibt darüber“ dies stimmt nur teilweise, in Fachzeitschriften finden sich entsprechende Artikel, aber kaum in Medien, die ein breiteres Publikum haben. Eine Linksammlung finden Sie hier:

finanzenlounge – Renten: Blase und Liquidität

Disclaimer:

Dieser Beitrag stellt keine Anlageempfehlung dar, weder zum Kauf noch zum Verkauf entsprechender Geldanlagen. Wie Sie denn oben genannten Links entnehmen können, haben wir hierzu aber entsprechend recherchiert. Dennoch können wir keine Gewähr dafür übernehmen, ob es zu einer für Anleger bemerkbaren Liquiditätskrise kommt. Es ist auch keinesfalls gewiss, dass ein Vergleich mit offenen Immobilienfonds, das Risiko der Unternehmensanleihen widerspiegelt. Bevor Sie handeln, sollten Sie mit Ihrem Berater sprechen. Selbstverständlich können Sie auch Kontakt mit uns aufnehmen.

 

2 Kommentare

  • Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die jüngste EZB-Entscheidung, ab Juni 2016 mit massiven Ankäufen von Unternehmens-Anleihen zu beginnen?

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    • Danke für Ihre Frage, Herr Dupin. Wir haben diesen Aspekt auch schon intern diskutiert, abschließend aber noch kein „Urteil“ gefällt. Wir tendieren aber zu folgender Bewertung: Die EZB-Käufe werden nur einen sehr begrenzten Teil der Unternehmensanleihen betreffen (Verteilung auf verschiedene europäische Länder, bestimmte Bonitätsanforderungen). Damit wird bestenfalls ein Segment der U-Anleihen entlastet. Wenn die EZB nicht die Rolle eines Traders übernimmt, was wir annehmen, entsteht mit jedem Kauf einmalig für bestimmte Papiere eine „Liquiditätsentlastung“. Ob dies grundsätzlich die Situation der Renten-Investmentfonds entlastet, würden wir eher bezweifeln. Ob durch die EZB-Käufe das Illiquiditätsrisiko der entsprechenden Fonds sinkt, hängt unter anderem von der Investitionsaufteilung der Fonds und vom genauen Modus des EZB Aufkaufprogramms ab. Bitte beachten Sie: Es handelt sich um eine unverbindliche Einschätzung. Möchten Sie aufgrund diese Problematik eine Anlageentscheidung treffen, so fragen Sie Ihren Berater. Natürlich könnten auch wir Sie beraten, dazu sind wir aber gehalten, vorab detaillierte Fragen an Sie zu stellen.

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